Ukrainische Flüchtlinge an der Cotta-Schule - ein Bericht

Der Anruf

In den Faschingsferien bekam die Cotta-Schule einen Anruf der Meldestelle für berufliche Schulen, mit der Anfrage, « ob man sich in der Lage sehe, eine Klasse für Flüchtlinge aus der Ukraine einzurichten »? Weil die Schulleiterin Birgit Jaeger-Gollwitzer dem Überfall der Ukraine durch die russischen Truppen am 24. Feb. so fassungslos gegenüberstand und weil konkrete Hilfe durch Solidarität geboten schien, sagte sie spontan zu. Damit ging die erste ukrainische Flüchtlingsklasse in Stuttgart in Planung.

Erfahrung mit Flüchtlingsklassen

Trotz anfänglicher Bedenken zeigte sich, dass das WG im Stuttgarter Osten gut gerüstet war. Schon seit 2016 hatte man Erfahrungen gesammelt mit VABO-Klassen, in denen Flüchtlinge überwiegend aus Syrien und Afghanistan beschult werden. Im Gegensatz zu den Jugendlichen, die aus Syrien und Afghanistan geflohen sind, sind die ukrainischen Jugendlichen mit Familienangehörigen gekommen und bei Bekannten und Verwandten untergekommen, was es Ihnen etwas leichter macht, von Verwandten und anderen Familienangehörigen getrennt zu sein und die Kriegserfahrungen zu bewältigen. Die Eingewöhnung in Deutschland ist für die ukrainischen Jugendlichen, die aus einem Land geflohen sind, mit dem man kulturell eng verflochten ist, das jüngst sogar zweimal den Grand Prix Eurovision gewinnen konnte, von daher etwas einfacher, zumal sie auch von Verwandten unterstützt werden, die schon länger in Deutschland leben.

Schule als Weg zur Normalität

Es wurde also alles daran gesetzt, den ukrainischen Schülern schnellstmöglich wieder einen Alltag und Normalität zu geben. Am 21.3. wurde also der Schulstart terminiert. Relativ zügig fanden sich geeignete Kolleg*innen, die sich zutrauten in der neuen Flüchtlingsklasse zu unterrichten, auch die Schulleiterin Jaeger-Gollwitzer übernahm vier Stunden. Als Unterstützung konnte man zusätzlich die ukrainische Lehrkraft Valeriia Maksimova gewinnen, so dass man zunächst mit vierzehn Stunden Deutsch starten konnte, wobei praktische Spracherfahrungen im Vordergrund stehen und sechs Stunden Gesellschaftskunde, mit den Schwerpunkten deutsch-ukrainische Historie, ethisch-religiöse Themen, deutsche Alltagskultur und Tagespolitik. Es zeigte sich dabei, dass zwei Schülerinnen über so gute Deutschkenntnisse verfügten, dass sie direkt in die Eingangsklasse des Wirtschaftsgymnasiums aufgenommen werden konnten. Die restlichen Schüler verständigen sich sehr ordentlich mit Englisch. Inzwischen hat sich der Stundenplan um jeweils zwei Unterrichtsstunden Informatik, Mathe und Englisch erweitert, eine Wahlmöglichkeit zwischen Kunst oder Musik steht an. Der reguläre Unterricht findet von Montag bis Donnerstag statt, dann heißt es also "volles Programm". Am Freitag ist das Theaterprojekt (siehe den separaten Artikel hierzu).

Das Theaterprojekt

Mit dem Theaterpädagogen Manoel Tavares starteten die Ukrainer am 25. März ihr historisches Theaterprojekt, dies ist fester Bestandteil des Stundenplans. Bis zur geplanten Aufführung des selbst geschriebenen und inszenierten Theaterstücks im Juli 2022 ist noch ein langer Weg. Als realer historischer Hintergrund dienen die Biographien ukrainischer Zwangsarbeiter/innen in Stuttgart. Ein nachdenklicher und Mut machender Blick auf die gemeinsame deutsch-ukrainische Geschichte. Zunächst gilt es sich kennenzulernen und bei szenischen Übungen unbekümmert Emotionen auszudrücken. Mit großer Begeisterung erarbeiten alle Beteiligten erste Ideen für das Grundgerüst des Stückes. Zunächst noch auf Englisch und in pantomimischen Szenen. Mit einiger Übung soll dann aber die Theatersprache auch Deutsch sein. Wichtige Aspekte des Projektes sind der verbesserte Spracherwerb in innovativen Unterrichtssituationen und beim freien Sprechen sowie die exemplarische Auseinandersetzung mit historischen und aktuellen Personen und Ereignissen.

Fußball - ein Thema der Integration

Als weiteres Highlight besuchten die Schüler und Schülerinnen der ukrainischen Klasse gemeinsam mit einer BK-Sportklasse am 31. März die Mercedes-Benz-Arena und das VfB Lernzentrum. Vormittags stand bei einem Workshop zunächst die Auseinandersetzung mit den positiven und problematischen Seiten des Profifußballs auf dem Stundenplan: die Faszination der Fankultur und spannende Spiele, aber auch die Abwertung von Spielern und Fans des Gegners. Die zwei Gesichter des Fußballsports eben.
Nach der Mittagspause erkundete die gemischte Gruppe mit den Jugendsozialarbeitern des VfB-Fan-Projekts die Arena. Dabei führte der Weg von den Logen auf der Haupttribüne zu den Stehplätzen in der Cannstatter Kurve. Auch die Kabine der VfB-Profis blieb nicht verborgen. Zum Abschluss ging es dann gemeinsam aufs Spielfeld. Eine gelungene Exkursion, der bald weitere folgen werden.

Einen separaten Artikel zum Besuch der Ukrainischen Schuler*innen finden Sie hier auf der Seite des VfB.

Flucht vor Krieg und die Hilfe zur Normalität

Insgesamt eine spannende Aufgabe für die Schule, dabei hatte man anfangs gehofft, der Krieg könne in spätestens sechs Wochen beendet werden, doch die Realität zeigt, dass es wohl viel länger dauern und noch dazu von Tag zu Tag schlimmer wird. Die ukrainischen Flüchtlinge, die Zuhause kurz vor den Abiturprüfungen standen, haben nun zumindest bei uns eine Perspektive, sie werden mindestens bis zu den Sommerferien bleiben und können hoffentlich ihren ukrainischen Abschluss hier absolvieren. (RAF)

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